Alter Wein in neuen Schläuchen vs. Neuanfang

Tag zusammen, da reicht wohl ein einfacher Nachtrag zu meinem letzten Blog nicht mehr, denn die Ereignisse lassen sich meines Erachtens nicht mit einem lapidaren „Rainer Brüderle und der Landesvorstand sind zurückgetreten“ abtun. Dahinter stehen viele Dinge, die es wert sind, genauer beleuchtet zu werden.

Dass sich die FDP in einer Krise befindet, ist ja nun niemandem ein Geheimnis, ich selber habe hier auf meiner Seite schon vor Zeiten dazu Stellung genommen, inzwischen rauscht es im Blätterwald und aus allen Ecken hört man neue Gerüchte.

Ich bin da grundsätzlich nur unwesentlich besser informiert als Sie da draußen, vielleicht kenne ich die Strukturen innerhalb der Partei, zumindest in der Landespartei einfach ein bisschen besser.

Die Nachricht vom Rücktritt Rainer Brüderles hat mich denn auch nicht sonderlich überrascht, so etwas ist quasi logische Folge einer Wahlniederlage und er hat den Anfang gemacht.

Rainer Brüderle hat die Partei mehr als zwei Jahrzehnte geprägt wie kaum ein anderer, er hatte sie gut im Griff und jeder, der sich jetzt einbildet, das wäre seit gestern Abend vorbei, irrt sich gewaltig. Er, der wie kein anderer seine Arbeit in den Dienst der rheinland-pfälzishen Liberalen gestellt hat, lässt sein Kind nicht einfach ziehen, ohne ihm noch den einen oder anderen Ratschlag mit auf den Weg zu geben, davon bin ich überzeugt.

An der Basis traf der Rücktritt des Landesvorstandes in die Phase der ersten Zusammenkünfte. Das ist nach einer Wahl so üblich, man hockt sich zusammen und lässt Wahlkampf und Ergebnis Revue passieren, macht sich seine Gedanken, leckt Wunden, sucht nach Erklärungen und überlegt, wie man es beim nächsten Mal besser, anders machen könnte. Wir hatten sicherlich gestern keinen angenehmen Abend, denn es gab niemanden in unserer Runde, der mit einem strahlenden Lächeln zur Türe hereinkommen konnte und an dessen Freude wir hätten teilhaben können.

Aber die Dame vom Südwestfunk war schon da und hielt gnadenlos ihr Mikrophon vor Gesichter mit der Frage: „Was halten sie vom Rücktritt Rainer Brüderles?“

Der eine oder andere hatte es noch gar nicht gehört und so konnte man entsetzte Gesichter sehen, die sich nur mühevoll unter Kontrolle hielten. Besonders für die Älteren unter uns ist Rainer Brüderle eine Institution, die sie fast ihr ganzes Parteileben lang begleitet hat und als unverrückbar und in Stein gemeißelt galt. Eine FDP in Rheinland-Pfalz kann sich so mancher gar nicht vorstellen.

Aber das, was Rainer Brüderle getan hat, ist ein Signal. Ein gutes, wenn auch für ihn sicherlich ungemein schmerzliches Signal. Er mache den Weg frei für einen Neuanfang, lies er verlauten.

Wie kann ein solcher, wie MUSS ein solcher Neuanfang aussehen? Vielerorts regen sich jetzt schon Stimmen, die einen Aufguß, also alten Wein in neuen Schläuchen befürchten.

Nein. Ein Neuanfang ist ganz klar definiert. Zu ihm gehört es, sich von Altem zu trennen, und da sind nicht nur Gesichter, sondern auch das Vorgehen, das Miteinander, der Umgang, die Arbeit, die sich verändern muss.

Wir haben viele gute Leute im Land, die sich seit vielen Jahren engagieren, wir haben haufenweise gute Ideen, die aber in den vergangenen Jahren allzu oft im Gestrüpp einer verkrusteten Struktur hängengeblieben sind. Die Entscheidungsfindung innerhalb der Landespartei muss auf neue Füße gestellt werden, heute bin ich einer Gruppe bei Facebook beigetreten, die sich Graswurzelliberalismus nennt und deren Name mein Herz wärmt. Das klingt nach urdemokratischer Vorgehensweise, nach Diskussionen, nach dem Ringen um Entscheidungen, nach Krach und Streit, aber auch nach Versöhnung, nach Konsens, der von allen mit einem Gefühl getragen werden kann, dass sie an etwas großem teilhaben.

Dahin muss die FDP Rheinland-Pfalz zurück. Zurück zu ihren Mitgliedern. Zurück zu dem Potential, was in ihr schlummert. Und der Vorstand? Es müssen Menschen sein, die Strahlkraft haben, die charismatisch sind und ungeheuer leidensbereit, denn sie haben eine schwere, zeitintensive Aufgabe vor sich, müssen reisen, zu den Mitgliedern hingehen, nicht erwarten, dass diese auf sie zukommen. Und sie müssen um einen Vertrauensvorschuss bitten und hoffen, dass man ihnen diesen auch gewährt.

Vor uns liegen fünf Jahre harter Arbeit, ohne die logistische Unterstützung einer Fraktion, die die Außenwirkung schon irgendwie besorgt. Ab sofort müssen wir alle dafür sorgen.

Neuanfang kann auch etwas Schönes sein. Und an alle Liberalen, die irgendwie verwirrt und traurig sind, weil Neues auch manchmal Angst macht: Schauen wir uns diejenigen genau an, die sich vornehmen werden, diese große Aufgabe zu übernehmen, schenken wir ihnen nachgenauer Prüfung unser Vertrauen und dann krempeln wir alle gemeinsam die Ärmel hoch und legen los!

In diesem Sinne, Ihre Jutta Schützdeller

(Bildquelle:Alexander Dreher  / pixelio.de)

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