Die Akte „Niedermendig 389“

Tach zusammen! Schön, dass Sie hier sind, es gibt Neuigkeiten… also lassen Sie uns gleich mal beginnen. Gestern, also am Mittwoch, den 02.03.2011, trafen sich das Landesamt für Geologie und Bergbau, der Gutachter des Bergamtes, Profesor Tudeshki und „die Mendiger“, also Bürger, Stadträte, Stadt- und VG-Spitze in der „guten Stube“ der Stadt, den Ratsstuben, um dort über das vielbesungene Gutachten zu sprechen, welches die Sprengungen zum Inhalt hat.

Sie erinnern sich? Da war doch was mit Sprengungen im Tagebau der Firma Mendiger Basalt, in Verwaltungsdeutsch auch „Niedermendig 389“ genannt. In diesem Tagebau möchte man Basalt gewinnen, der dann für Straßenbau und Gabionenwände (sagen Sie jetzt nichts ^^) verwendet wird.

Bei den dafür angeblich unumgänglichen Sprengungen ist es in der Vergangenheit zu heftigen Erschütterungen gekommen, die so nicht hinnehmbar sind. Das hat nicht nur die Anwohner auf den Plan gerufen, sondern unter anderem auch mich. Ich habe die letzten Sprengungen in einem der Häuser an der Brauerstraße zugebracht und konnte mich davon überzeugen, dass es durchaus einen Unterschied gibt zwischen dem, was die Messgeräte anzeigen und dem, was man erlebt, wenn man nah, ziemlich nah an der Sache dran ist.

Ungeachtet der Tatsache, dass es immer Messungen gegeben hat, die angaben, dass alles irgendwie noch im grünen Bereich ist, stand für mich das Wohl der Anwohner immer im Vordergrund. Wenn Risse in Häusern auftauchen, die in den hundert Jahren zuvor weder durch Kriege, Verkehr oder Erdbeben entstanden sind, dann stimmt was nicht. Als dann im Juli vergangenen Jahres ein Schlag durch Mendig ging, der alle vorhergehenden in den Schatten stellte, war das Maß voll.

Es hat eine ganze Reihe von Gesprächen mit dem Bergamt gegeben, bei dem manch einer zuweilen den Eindruck gewinnen konnte, das Bergamt sei nicht mehr als die Presseabteilung des Unternehmens, das da gerade die Stadt zum Wackeln bringt, aber dieser Eindruck ist seit gestern (zumindest bei mir) in weiten Teilen revidiert.

Sie erinnern sich vielleicht an die letzten Blogs, in denen ich mein Unverständnis darüber zum Ausdruck brachte, dass eine Behörde, die meines Erachtens zum Schutz der Bevölkerung angetreten ist, sich permanent schützend vor den Untenehmer wirft… aber diese Zeiten sind augenscheinlich vorbei.

Das Bergamt ist sauer – Willkommen in unserer Welt!

Was ist passiert?

Nach der „Monstersprengung“ im Juli letzten Jahres wollte das Bergamt wissen, was zum Teufel da eigentlich los ist bei der Mendiger Basalt. Nach ihren Unterlagen müssten die Sprengungen „eigentlich“ sozialverträglich ablaufen, statt dessen bombte sich der Laden über die Grenzwerte hinaus. Ein Gutachter musste her, eine Forderung der Anwohner, auf die das Landesamt dann endlich einging, nachdem die ersten Teilnehmer bei Anwohnerversammlungen schon mit gewetzten Messern gesichtet wurden.

Gewählt hat man nun Professor Hossein Tudeshki, der sich mit seinem Team ans Werk machte. Er besuchte den Untergrund von Mendig und dort lehrte man ihn das Fürchten. Als er gestern das Gutachten vorstellte, blickte er ernst in die Runde und meinte:

„Der Zustand der Keller ist kritisch.“

Ach. Nicht, dass wir das nicht schon gewusst hatten, aber danke, dass Sie es noch mal erwähnen.

Konsequenz dieser Begutachtung durch ihn war, dass er zunächst die Keller als Gebäude einstufte. Das klingt zunächst einmal merkwürdig, erklärt sich aber, wenn man die DIN Norm betrachtet, an der sich die Geologen, Sprengmeister und vor allem das Bergamt entlanghangeln müssen. Tudeshki gestern abend: „Die DIN Norm ist ein Gummiding, eigentlich sagt sie alles und nichts aus…“

Weiss ich, ich arbeite mit der DIN , sie erzählen mir nichts Neues…

Nein, meinte er, er habe sich überlegt, dass die Hohlräume unter Tage zu betrachten seien wie denkmalgeschützte Gebäude und entsprechend wenig dürfe es auch nur noch wackeln, wenn Herr Krings sprengt.

Um das sicherzustellen, hat er eine Sprenganordnung entwickelt, die wohl deutlich teurer ist als das, was vormals auf dem Gelände der Mendiger Basalt zum Einsatz gekommen ist. Alleine die Zünder kosten ein vielfaches von dem, was für die alten Dinger anfiel. Dann hat er genau vorgegeben, wie und wann und in welchen Abständen die Zündungen erfolgen sollen, wie weit die Bohrlöcher auseinander liegen und wie tief sie maximal sein dürfen. Der Taschenrechner der Firma Mendiger Basalt zeigte immer kleinere Zahlen, wenn es um die Erträge der Sprengungen ging…

So weit, so gut. Tudeshki pappte Gipsmarken an Säulen und ab ging die Post. So sehr er auch beteuert, dass es unter Tage bei den Sprengungen keine Schäden gegeben hat, über Tage sieht die Sache ganz anders aus. Schon im Juli hat es Schäden gegeben, die die Anwohner weisungsgemäß der Versicherung der Mendiger Basalt gemeldet haben. Von dort wurde dann wiederum ein Gutachter entsandt, der sich das Ganze ansah und kurzerhand die Ansprüche der Anwohner auf gerade mal ein Zehntel zusammenkürzte.

Sowas nenne ich vertrauensbildende Maßnahme… Aber leider, leider nicht Sache des Bergamtes, die haben damit nichts zu tun…andere Baustelle…

Professor Tudeshki huschte also auf dem Gelände der Mendiger Basalt hin und her und auch Professor Ehses, der Leiter des Landesamtes lies es sich nicht nehmen, die Anlage genau in Augenschein zu nehmen. Mehrfach wurde wohl vor der letzten Sprengung gefragt, ob alles so angeordnet sei, wie in den Vorgaben des Amtes und des Gutachters angegeben. Der Sprengmeister versicherte, alles sei genau so, wie gewünscht und drückte den Knopf.

BUMM!

Im Nachhinein muss ich Professor Ehses gratulieren, er hat sich fantastisch unter Kontrolle gehabt. Er tauchte nach der Sprengung im Haus der Anwohner auf und sagte sofort, er könne es sich nicht erklären, aber das sei wohl gründlich danebengegangen. Schon damals wusste er, dass die Zündabstände deutlich verringert worden waren, und für uns alle klang das so, als habe das Bergamt das so angeordnet. Zum damaligen Zeitpunkt erwähnte er mit keinem Wort, dass dies absolut nicht der Fall war und lies sich von uns mit Häme der Sorte: „Das hätten wir ihnen gleich sagen können, dass sie nicht zu kurz hintereinander sprengen dürfen, das hatten wir im Juli schon“ überschütten. Der Mann macht seinen Job gut, er hielt still und schluckte alles runter, sagte kein Wort, so lange nicht geklärt war, was da eigentlich abgelaufen war.

Jetzt, wo Professor Tudeshki uns das Gutachten vorstellte, konnten wir uns vorstellen, was da im Hintergrund gelaufen ist. Der Sprengmeister, der mit großen, unschuldigen Augen den Herren gesagt hatte, er habe alles nach Vorschrift vorbereitet, hatte in Wirklichkeit überlegt, er könnte doch mal ein wenig experimentieren. Schließlich seien das ja Testsprengungen, und er hatte da so eine Idee , die er unbedingt mal ausprobieren wollte…

Da kommt man sich ein bißchen vor wie in Smash-Lab, gell? Oder wie eine Laborratte…

Also das Experiment des Sprengmeisters ist gründlich in die Hose gegangen und auch wenn das Bergamt ihm die Zulassung nicht entzog hatte ich gestern den Eindruck, dass man ihm durchaus Gram ist… um es mal harmlos auszudrücken.

Die sind stinksauer, glauben Sie mir!

Jetzt ist dann auch beim Bergamt Schluss mit lustig. Die Falten auf der Stirn von Professor Ehses sprechen Bände, auch die Glabella von Herrn Tschauder war schon mal flacher…

Jetzt dreht das Bergamt die Daumenschraube an. Gestern wurde mitgeteilt, dass das Unternehmen nie wieder ohne gutachterliche Begleitung sprengen dürfe, wenn überhaupt. Was das für ein Unternehmen bedeutet, kann man sich vorstellen. Gehen Sie einfach mal hin und bestellen ein mal im Monat einen Gutachter, der dann… sagen wir mal… zwei Manntage abrechnet. Dann spätestens wissen Sie, was ich meine. Die Margen des Herrn Krings schmolzen wie das Schokoladeneis im Gesicht ihres Dreijährigen auf dem Rücksitz Ihres Autos…

Herr Fronert von der Firma Mendiger Basalt, der sich gestern auch den Fragen der Anwesenden stellte, gab bekannt, dass das Unternehmen sich jetzt mit Hochdruck um alternativen bemühe. Das habe man zwar die ganze Zeit schon getan (ach?), aber nun sei die Lage prekär, denn die Saison sei angelaufen und es gebe Lieferverträge, die zu erfüllen seien.

Also was jetzt kommt, ist ein bissl wissenschaftlich, ich will ehrlich sein, ich hatte dieses Wort wissentlich noch nie gehört, aber selbst blonde Frauen lernen ja bekanntlich nie aus…

Deflagration.

Nu isset raus. Nein, es ist nichts Unanständiges und es hat auch nicht mit der Entwertung von Geld zu tun. Deflagration ist eines der Verfahren, die derzeit gestestet werden sollen, als alternative Methode, um dem Basaltstrom zu Leibe zu rücken.

Stellen mer uns ma janz dumm, wat is Deflagration?

Also. so wie ich das verstanden habe, gibt es drei Stufen eines Verbrennungsvorganges. Verpuffung ist die „kleinste“ Stufe, bei der Drücke um die 1 bar entstehen und die Reaktionsgeschwindigkeit (also die Geschwindigkeit, mit denen Ihnen der kram um die Ihren fliegt) ziemlich langsam, so um die 1m/s. Als nächste Stufe ist die Deflagration anzusehen, dabei entstehen Drücke bis zu 10 bar, die Reaktionsgeschwindigkeit kann bis zu 1000m/s betragen, was aber immer noch langsamer als der Schall ist…

… und dann gibt es die dritte Stufe, die Detonation. Dabei entsteht Druck, der um ein vielfaches höher sein kann, als der bei Deflagrationen, die Reaktionsgeschwindigkeit liegt jenseits von 1000m/s und es macht für alle hör und spürbar BUMM. Nun denkt man darüber nach, dass es vielleicht mit Deflagration gehen könnte… und was ich in Youtube gesehen habe, finde ich gar nicht so schlecht. Schauen Sie mal selber hier.

So. Wo sind wir? Was wissen wir?

Wir wissen, dass in der nächsten Zeit nicht damit zu rechnen ist, dass das Unternehmen Mendiger Basalt auf herkömmliche Weise sprengen wird. Das ist gut. Sehr gut. Wir wissen, dass das Bergamt an der Null-Toleranz-Schwelle angekommen ist, was das Unternehmen angeht. Das ist gut. Sehr gut.

Wir wissen aber auch, dass die Mendiger Basalt ihr Gestein abbauen will und muss, um überleben zu können. Also werden wir wohl in der nächsten Zeit erleben, dass man durchaus noch ein wenig rumbastelt um herauszufinden, wie man den Basalt verdammtnochmal da aus der Wand bekommt.

Wenn das aber unter den nun sehr gestrengen Augen des Herrn Tschauder und Herrn Professor Ehses passiert (und glauben Sie mir, die KÖNNEN streng gucken!) dann ist mir schon etwas wohler. Davon ist den Anwohnern zwar mit ihren Schäden von den vergangenen Sprengungen nicht geholfen, aber das ist eine andere Geschichte… mal sehen, was man da tun kann…

In diesem Sinne, Ihre Jutta Schützdeller

(Fotoquelle: Rolf van Melis / pixelio.de)

Kategorien
One Comment
0 Pings & Trackbacks